Über 15.000 Besucher beim Genius Loci Weimar Festival begeistert von Lichtkunst auf Weltniveau

29. August 2014 › Thüringen-kreativ.de News   

Zum dritten Mal zeigte das Genius Loci Weimar Festival kreative Wege, die sich am Mainstream vorbei zu festen Größen entwickeln

Soviel Genius Loci Weimar war noch nie. Die dritte Ausgabe des internationalen Fassadenprojektionsfestivals bot an drei Tagen reichlich Programm. Neben den drei Fassaden des Wettbewerbs wurde in Weimars historischer Innenstadt mit den Visuals des Genius Loci Lab das legendäre Künstlerhaus wieder belebt, die Hamburger Lichtkünstler von A Wall is a Screen zogen mit ihrer mobilen Kurzfilmshow von Hinterhoffassade zu Hinterhoffassade, Smartphone Enthusiasten bereiteten dem Festival den 1. Genius Loci Weimar Tweetup in Wort, Bild und Bewegtbild und schließlich wurde das groovende Gaswerk zum Genius Loci Club und zur Chillout Area.

Kohle und Blut

Limen_Wald_Genius_Loci_DSC_0135_©_Boris_Alexander_KnopDie Künstler von mammasONica aus Catania, Sizilien verdrehten mit Limen die schöne heile Welt der Anna Amalia. An der Fassade der gleichnamigen Bibliothek brillierten sie mit atemberaubender Stop Motion und Animationstechnik. Die Fassade fing an ein lebendiges Wesen zu werden, mit Fenstern, die wie Augenlider aufklappten und aus denen schließlich der Tod herausschaute, um jeden hier an die eigene Vergänglichkeit zu ermahnen. Das Spiel mit dem Stundenglas war aber nur der Vorlauf zur Katastrophe, dem Brand. Zehn Jahre nach dem verheerenden Feuer in dem Gebäude tauchten die frappierenden Mappings von mammsONica das Haus in ein schwelendes Blatt Papier. Karbontöne dominierten die Fassade, hässliche Lücken klafften pechschwarz auf und dann loderten die Flammen. Die folgende Traumsequenz stürzte unter treibenden Elektrosound die Architektonik des Gebäudes in eine Spirale aus Hightech. Treppenhäuser klafften auf in schwindlige Höhen und irre Konstruktionsskizzen und Netze schraubten sich empor zu einer Science Fiction Bibliothek zu Babel. An der geordneten Fassade entstand digitale Glitch Art feinster Couleur. Brand und Trauma wurden schließlich durch das Meer gelöscht. Denn auch hierin bestachen die sizilianischen Küstenstädter mit ihren mutigen Griffen zu großen Narrativen.

Trotz Herbstmantel und Regenschirm

z_Entries_worldwide_Genius_Loci_DSC_0024_©_Boris_Alexander_KnopDie Gutwettermarke vom letzten Jahr (12.000 Besucher ) konnte das Festival dieses Jahr bei z.T. äußerst widrigen Wetterbedingungen sogar um ein Viertel steigern. Wer weiß, wieviele Besucher dieses Jahr noch mehr nach Weimar gekommen wären, wenn es zum Hochsommer auch hochsommerliches Draußenwetter gegeben hätte. Über 15.000 Menschen ließen sich an drei Nächten nicht durch Regengüsse und herbstliche Temperaturen davon abhalten, geniale Lichtkunst an den historischen Fassaden zu erleben. Es hat sich herumgesprochen, dass das Weimarer Festival ein besonderes seiner Art ist. Man kann es eigentlich nicht mit den etablierten Lichterfesten in europäischen Großstädten wie Amsterdam, Hamburgs City Nord oder Dortmunds Westfalenpark vergleichen. Man muss dem Genius Loci Weimar Festival einfach lassen, dass es mit extrem hohen Anspruch viele verschiedene Betrachter in seinen Bann zieht. Es geht hier um mehr als die romantische oder technische Faszination an Lichtinstallationen oder -skulpturen.

Geist und Geister – Herder versus Ohm Krüger

Moya_Façade_Augenpaar_Ethno_1_Genius_Loci_DSC_0073_©_Boris_Alexander_KnopMit Moya Façade schufen Xenorama aus Bremen für das Genius Loci Weimar Festival ein anspruchsvolles, kritisches und doch buntes und mystisches Werk, dass sich nichts Geringeres als einen Visual Battle zwischen dem Aufklärer Johann Gottfried Herder und dem schillernden Burenführer Ohm Krüger lieferte [Ohm Krüger ist auch der Titel eines im Dritten Reich sehr erfolgreichen nationalsozialistischen Propagandafilms aus dem Jahre 1941, der bis heute als Vorbehaltsfilm gelistet ist und ausschließlich im Rahmen spezieller Bildungsveranstaltungen gezeigt werden darf. Anm. d. Redaktion]. Am Herderplatz in Weimar stehen sich die Skulptur Herders und die Wandbüste des südafrikanischen Politikers und einstigen Präsidenten der einstigen Südafrikanischen Republik Paul Krüger gegenüber. Die Projektionen tauchten diese beiden in eine geisterhafte Stimmung, die zu einer kritischen Neubewertung der Positionen des Philosophen und Theologen wie des extremen Politikers aufforderte. Die Widersprüche zwischen den europäischen Strömungen der Aufklärung und die Verwicklungen des imperialistischen Europas in den Kolonialismus, die Ausbeutung von Ureinwohnern und ihren Bodenschätzen mitsamt ihren extremen rassistischen Ausprägungen, wurden schließlich von farbgewaltigen Zitaten afrikanischer Kunst überstrahlt.

Genius Loci ist auch immer ein politischer Ort

wandering_lights_Genius_Loci_DSC_0058_©_Boris_Alexander_KnopDas Genius Loci Weimar ist politisch, weil es Künstlern die Möglichkeit schafft mit exzellenter Hard- und Software zu historischen Orten Stellung zu beziehen. Damit öffnet es einen kritischen Dialog, der weit über die rein museale Bedeutung von historischer Innenstadt und Installation als Ausstellungsgegenstand an sich herauswächst.

Äußerst interessant ist dabei, dass dieses Format dennoch viele Zuschauer in seinen Bann zieht. Es wird ja häufig behauptet, dass eine breite Begeisterung und das heißt hohe Besucherzahlen, nur mit Kunst seichterer Botschaft zu schaffen sei. Hier gibt es kein Kunstwerk, dass Kompromisse dieser Art aufweist. Das muss beim Genius Loci Weimar Festival auch nicht sein, denn es kommen trotzdem viele verschiedene Menschen, die die Güte der Projektionen genießen und sich über ihre individuellen Interpretationen des Erlebten austauschen.

Deutsche Geschichte auditiv und visuell dekonstruktiviert

Klang3_auf_Anfang_Genius_Loci_DSC_0251_©_Boris_Alexander_KnopWie man das Deutsche Nationaltheater Weimar visuell zum Explodieren bringt, zeigten die Dresdner ruestungsschmie.de und Soundselektor aus Dresden mit der Licht- und Toninstallation Klang3. Für die Visuals an der Fassade des Gebäudes, dass einerseits die gesamte Geschichte und Entwicklung des deutschen Schauspiels und Musiktheaters von seinen Anfängen bis zur Gegenwart und andererseits Geschichte und Verlauf der ersten deutschen Republik, von Gründung bis zu ihrem Niedergang und der ideologischen Besetzung durch den Nationalsozialismus inkarniert, wurde ein ganz spezieller Soundtrack geschaffen. Soundselektor nahm die Geräusche auf, die das Gebäude macht, wenn man seine diversen Einrichtungselemente, Fenster, Säulen, Türen, Stühle, Werkzeuge in ihren Räumen bespielt. Aus diesen Atomen der alltäglichen Töne des Gebäudes wurde ein pulverisierender Technotrack mit technisch perfekten Visuals in ein Gesamtkunstwerk gegossen, das die großen künstlerischen Entwürfe und Hoffnungen wie die politischen Widersprüche, Spannungen und Niederlagen, die in dem geschichtsträchtigen Gebäude aufgeführt und ausgehandelt wurden in einer knappen Viertelstunde erfahrbar machte. Dabei bestach die audiovisuelle Projection Mapping Show der ruestungsschmie.de mit ihrem eigenen Entwurf. Eine freie, moderne und zeitgemäße Annäherung an die komplizierte Geschichte, die ganz ohne konkrete Bilder, Porträts, Gegenständlichem oder gar politischen Abzeichen oder Logos auskam, um den Hörer und Betrachter neu einzuladen kritisch über das Schöne wie Grausame der deutschen Geschichte und Theatergeschichte nachzudenken.

Möge diese Qualität, die Vielfalt und der hohe Anspruch dem Genius Loci Weimar Festival und seinen vielen Besuchern noch lange erhalten bleiben und die junge Disziplin Video Projection Mapping weiter international etablieren mit Weimar als Ort für etwas kreatives Neues, das nicht nach dem Mainstream schielen muss.

 

Text & Fotos © Boris Alexander Knop

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